Was genau ist ein MVP?

Seit der Begriff MVP („Minimal Viable Product“ ) durch Eric Reis mit „The Lean Startup“ geprägt wurde, ist er zu einem Synonym fortschrittlicher Produktentwicklung und agilen Arbeitens geworden. Damit einhergehend wird der Begriff heute für sehr viele unterschiedliche Dinge verwendet, zum Teil für einen Ausschnitt aus Eric Reis‘ Definition, teilweise für etwas ganz anderes.

Definitionen

Diese vier Definitionen habe ich bisher gehört:

  • Prototyp (Ziel: Problemhypothese testen)
  • Marketing-Material (Ziel: Marktfähigkeit testen) – Beispiel Dropbox
  • Kleinstmögliches Produkt, das Nutzen schafft (Ziel: Marktakzeptanz testen) siehe z.B. hellodigital
  • Version 1.0 des Produkts

Ich habe alle diese Varianten ausprobieren dürfen, jede davon hat ihre Berechtigung und ich glaube dass alle davon in einem Innovationsvorhaben sinnvoll sind. In diesem Artikel möchte ich ein paar der Erkenntnisse teilen, die ich mit diesen MVP-Varianten gemacht habe.

Eric Reis nutzt das MVP zumindest für die ersten drei der Ziele und iteriert sich Schritt für Schritt bis zum fertigen Produkt.

Prototyp

Die erste Variante eines Produkts nutze ich in der Validierung der Problemhypothese. Die Idee steht und ich möchte herausfinden, ob sie tatsächlich das Problem löst, das ich in den Interviews verstanden habe.

Nach Interviews mit Musikerkollegen hatten wir gelernt, dass sie sich weiterbilden wollen. Viele Musiker nutzen Workshops, um Ideen zu bekommen, sich auf dem Instrument weiter zu entwickeln und Anregungen zu erhalten. Allerdings ist es aufwendig, passende Workshops zu finden, da jeder Anbieter einzeln abgefragt werden muss und herauszufinden, welche Workshops sie anbieten.

Mithilfe von wix.com erstellte ich eine Website, auf der Workshops aufgelistet waren, mit deren Detailinformationen und einem Formular um einen Workshop zu buchen. Die Workshops waren von den Seiten der einzelnen Anbieter aus der Region Nürnberg kopiert, also real existierende Workshops. Mit überschaubarem Aufwand hatte ich eine Seite erstellt, die den Aufwand reduziert, passende Workshops zu finden.

Diesen ersten Wurf zeigte ich meinen Bandkollegen auf dem Tablet vor der nächsten Probe und schaute zu, wie sie die Seite benutzten.

Wie erwartet suchte der Bassist nach Bass-Workshops – die zu dem Zeitpunkt leider nicht in der Liste auftauchten. Allerdings fand er das Thema „Songwriting“ und sah sich sehr interessiert die Beschreibung an.

Meine Problemhypothese habe ich in diesem Moment angepasst: Musiker suchen Inspiration und es ist aufwendig, inspirierende Workshops zu finden. Was genau inspiriert ist nicht unbedingt vorher bekannt.

Der Prototyp hat also seinen Zweck erfüllt, die Problemhypothese ist geschärft.

Marketing-Material

Nachdem wir die Problemhypothese validiert haben, möchten wir herausfinden, welches Marktpotenzial ein Produkt hat. Inspiriert vom Artikel über buffer.com „Idea to Paying Customers in 7 Weeks: How We Did It“ bauten wir eine Marketing-Seite als Landing Page zu zwei Produktideen bei der Paessler AG. Zielgruppe sind Menschen in der Rolle DevOps, die für Entwicklung und Betrieb von Software verantwortlich sind, also B2B Kunden. Wir beschrieben das Wertversprechen, die groben Features und die Funktionsweise und schalteten Werbung auf Facebook, die die Zielgruppe adressierte.

Die Erfolgsmessung war analog zum o.g. Artikel die Anmeldung mit der E-Mail-Adresse für Informationen zum geplanten Launch des Produkts. Einige tausend Impressionen und Besuche der Landing Pages später hatte sich niemand registriert.

Retrospektiv war dieser Test leider sehr wenig aussagekräftig aus zwei Gründen:

  • Die Produktidee war noch zu roh: Wir hätten Screenshots und wesentlich detailliertere Informationen gebraucht, um Vertrauen und Interesse zu gewinnen – die Produkte waren fadenscheinig 😉
  • Seit 2007 (dropbox) bzw 2011 (buffer.com) ist einige Zeit vergangen und mit einer Produktankündigung erreicht man heute nur sehr schwer Aufmerksamkeit von potenziellen Kunden – heute sind wir kostenfreie Downloads von Testversionen gewohnt

Nutzen stiftendes Produkt

Der Erfolg versprechendere Weg ist es, ein funktionierendes Produkt in den Markt zu geben und die Resonanz zu testen. Das Produkt muss bei weitem noch nicht fertig sein, lediglich der Teil, der Wert für den Kunden stiftet muss funktionieren.

Dieses Produkt wird angeboten, per Google Ads, Facebook oder anderen Kanälen bekannt gemacht. Ziel ist, zu beweisen, dass Menschen bereit sind, Geld für die Problemlösung auszugeben. Gewinn muss das Unternehmen noch nicht abwerfen.

Falls das Produkt noch nicht reif genug ist, um Geld dafür zu verlangen, ist es notfalls valide, die Nutzer Zeit investieren zu lassen – Zeit ist fast so wertvoll wie Geld. Dadurch erhalten wir trotzdem valide Aussagen über den Markt.

Ein Beispiel ist Zappos, die US-amerikanische Variante von Zalando. Das Produkt war eine Website mit Fotos von Schuhen, die Swinmurn, der Vater der Ideen, in lokalen Geschäften aufgenommen hatte. Wenn jemand bestellte, kaufte er die Schuhe im Geschäft und verschickte sie an den Käufer.

“If you are not embarrassed by the first version of your product, you’ve launched too late.”

– Reid Hoffman, Co-Founder of LinkedIn

Die Musikworkshop-Website gab einen Überblick über Workshops in der Region Nürnberg erlaubte das Buchen von Workshops. Das Einpflegen der Workshops, die Anmeldung beim Workshop und alle weiteren Prozesse im Hintergrund waren manuell.

Im ersten Schritt bietet sie für die Musiker im Raum Nürnberg sie eine Lösung für das Problem und ermöglicht so, herauszufinden ob überhaupt jemand bereit ist, über diese Website Workshops zu buchen.

Version 1.0

Sobald klar ist, dass das Produkt funktioniert, der Markt reagiert und die Kunden buchen lohnt es sich zu skalieren.

Im ersten Schritt wird das noch nicht das Automatisieren der Prozesse im Hintergrund umfassen, sondern den Versuch, das Geschäftsmodell profitabel zu machen. Bisher war Werbung teurer als der generierte Umsatz. Solange noch nicht bewiesen ist, dass dieses Verhältnis umgekehrt werden kann, braucht die Website noch keine tausende von Kunden bedienen können.

Die Version 1.0 umfasst dann alle Features um zu skalieren. All die manuellen Prozesse sind soweit automatisiert, dass 1000 Kunden buchen können. Natürlich fehlen noch wünschenswerte Features, aber die grundlegende Funktionalität ist vorhanden und in sich vollständig.

Die Version 1.0 hat bereits viel Aufwand gekostet und ist bereit für den harten Alltag des täglichen Geschäfts. Kein Test mehr, jetzt sind wir in der Realität angekommen!

(Was nicht heißen soll, dass wir fertig sind: Jetzt fängt die kontinuierliche iterative Produktentwicklung an!)

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2 Gedanken zu „Was genau ist ein MVP?

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